Die Ukrainische Katholische Universität
Die Ukrainische Katholische Universität steht in der Nachfolge der Griechisch-Katholischen Theologischen Akademie, welche 1928/29 vom Lemberger Metropoliten Andrej Sheptytskyj aufgebaut wurde. Nach der Schließung der Akademie im Jahre 1944 lebten ihre Mission und ihr Bildungsauftrag durch die Ukrainische Katholische Universität Papst Clemens in Rom weiter. Der vorherige Rektor der Lemberger Akademie Metropolit Josif Slipyj übernahm 1963 den Vorsitz der Exiluniversität.
1994 nahm die Lemberger Akademie ihre Tätigkeit unter dem Namen Theologische Akademie Lemberg wieder auf. Sie erlangte 1998 internationale Akkredition. Ihr erster Rektor war Vater Michajlo Dymyd. In diesem Amt folgte ihm im Jahre 2000 Vater Borys Gudzjak, welcher durch Entscheidung der Stiftung St. Clemens im Jahre 2002 zum ersten Rektor der Ukrainischen Katholischen Universität ernannt wurde.
Der Weg zur Gründung
Im Laufe der Geschichte nahm die theologische Ausbildung vielfältige Formen an. Während der ersten Jahrhunderte des Christentums zeichnete sie sich durch die mündliche Weitergabe der liturgischen Traditionen aus. Erst im Mittelalter bildeten sich im Westen Akademien und Universitäten, in denen man begann, die Theologie als Wissenschaft zu lehren und zu lernen. In Reaktion auf die protestantische Reformation und die katholische Gegenreformation entstanden die ersten ukrainischen theologischen Bildungseinrichtungen. Dabei waren diejenigen der Städte Ostroh und Lemberg von besonderer Bedeutung, da sie die kulturelle Renaissance der Ukraine Ende des 16. Jahrhunderts besonders beeinflussten. Nach der Union von Brest, der Kirchenteilung und zwischenkonfessionellen Konfrontationen wurden in beiden Zweigen der Kiewer Kirche verschiedene Möglichkeiten zur Entwicklung von Bildung und Theologie vorangetrieben. Für die orthodoxe Kirche wirkte sich die Trennung im 17. Jahrhundert positiv aus. Beispiel hierfür sind die Reformen Petro Mohylas und seine Schaffung der Kiever Mohyla Akademie. Die theologische Synthese östlichen und westlichen Gedankenguts, die grundsätzliche Offenheit gegenüber den „freien Wissenschaften“, sowie die Interaktion von Theologie und Kultur ließen die Mohyla Akademie zum intellektuellen Zentrum des östlichen Christentums werden.
Dahingegen waren die Versuche der Unierten Kirche in dieser Periode eigene Bildungseinrichtungen zu errichten, nicht von Erfolg gekrönt. Nur einzelne Geistliche konnten in katholischen Universitäten und im päpstlichen Kollegium studieren. Durch den auf das Tridentium folgenden Uniformismus und das anhaltende Fehlen nationaler intellektueller Kräfte verließ man sich auf fremde Lehr- und Forschungsinstitutionen, auf fremde Einflüsse und Ansichten. Diese Tradition verwurzelte sich fest in der Kirche und zog eine Latinisierung und eine Polonisierung der Kultur nach sich.
Die österreichische Periode
Diese Situation änderte sich erst Ende des 18. Jahrhunderts, als 1774 mithilfe der österreichischen Regierung ein griechisch-katholisches Priesterseminar in Wien gegründet wurde. Dieses verlegte man 1783 nach Lemberg. Die nächsten 150 Jahre studierten Seminaristen an der philosophischen und der theologischen Fakultät der Lemberger Universität. Dennoch gelang es auch diesem Bildungsinstitut nicht, das Kiever Christentum zu erneuern und zu stärken.
Im 20. Jahrhundert trieb die Organisation der theologischen Bildung der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche grundlegende Änderungen voran. Schon 1905 forderte der Metropolit Andrej Sheptytskyj die Gründung einer ukrainischen Universität. Doch der Erste Weltkrieg und die ungünstigen politischen Bedingungen dieser Zeit verhinderten eine schnelle Realisierung dieser Idee. 1918 wurden im Rahmen der allgemeinen Polonisierung der Politik die ukrainischen Lehrstühle der Lemberger Universität geschlossen, viele ukrainische Professoren entlassen und die Kraft der kirchlichen Latinisierung gestärkt. Die geheime ukrainische Universität, die in dieser Zeit zum Refugium für ukrainische Studenten und Professoren wurde, zwang man 1925 zur Schließung. In diesem Kontext stellte Metropolit Andrej Sheptytskyj die Initiative vor, eine theologische Hochschule aufzubauen.
Gründung
Am 6. Oktober 1929 fand die Eröffnungszeremonie der Griechisch-Katholischen Theologischen Akademie in Lemberg statt. Ihr erster Rektor Vater Josyf Slipyj versammelte um sich die führenden Vertreter der westukrainischen Intelligenz, so dass die Akademie nach kurzer Zeit ein Zentrum für die Wissenschaften der Theologie und Philosophie wurde. Sie stellte die einzige ukrainische Einrichtung für höhrere Bildung auf dem Gebiet des damaligen Polens dar. In den zehn Jahren nach ihrer Gründung wuchs die Akademie beachtlich: neue Fakultäten und Lehrstühle wurden eingeführt und die Zahl der Professoren stieg auf 40. Auch ein Verlag und die Bibliothek wurden eröffnet. Seit ihrer Gründung bemühte sich die Akademie, östliche Perspektiven einzunehmen und strebte die Verinnerlichung der Theologie an, wenngleich der Rahmen für solche Initiativen in der katholischen Kirche bis zum zweiten Vatikanischen Konzil eng gesteckt war.
Die Zeit der Okkupation
Nach der Ankunft der sowjetischen Truppen in Galizien 1939 wurde die Akademie geschlossen und die Studenten erfuhren Repressionen. Deutsche Bomben zerstörten am 15. September 1939 die Kirche Heilig-Geist und die Bibliothek der Akademie. Während der deutschen Okkupation konnte der Unterricht an der Akademie wieder aufgenommen werden, wenn auch mit einem sehr kleinen Lehrkörper. 1942 ermächtigte der Apostolische Stuhl zur Vergabe von Dissertationen. Von den 3500 Studenten, die in den Jahren 1941-1944 an der Akademie studiert hatten, erhielten jedoch lediglich 60 ein Diplom. Nach der erneuten sowjetischen Okkupation im Herbst 1945 wurde die Theologische Akademie endgültig geschlossen. Eine bedeutende Zahl der Graduierten und Professoren der Akademie (unter ihnen der langjährige Rektor, und nach dem Tod des Metropoliten Andrij auch der Leiter der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kriche Josyf Slipyj) wurden in sibirische Gulags geschickt.
Dennoch überlebte die Kirche: in den Katakomben. Heimlich übten Priester und Bischöfe ihre geistliche Arbeit aus, heimlich bestanden Klöster weiter und im Untergrund studierten Seminaristen. Professoren und geistliche Berater wurden in dieser Situation überwiegend ehemalige Dozenten und Graduierte der Akademie.
In der Emigration
Für die in der Emigration lebenden Unierten waren die Umstände der theologischen Ausbildung schwer. Durch die Abwesenheit ihrer Schulen waren sie einmal mehr dazu gezwungen, ihr Wissen daher zu beziehen, wo fremde Probleme besprochen wurden. Nach 18 Jahren im Arbeitslager kam der Leiter der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, Josyf Slipyj, 1963 nach Rom. Eines seiner ersten Dekrete betraf die Gründung der Ukrainischen Katholischen Universität. Bald darauf gründete der Patriarch das Kollegium Hl. Sophia. Mit seinen Taten zeigte Josyf Slipyj seinen tiefen Glauben daran, dass die Ukraine wiedererstehen würde und dass man sich auf diese zukünftige Realität vorbereiten müsse. Die Studenten der UKU und des Kollegiums Hl. Sophia unter der Obhut von Patriarch Josyf kamen zu dem Schluss, dass die Kirche ihre eigene Theologie brauche, ihren eigenen Ansatz des Gottesglaubens und dass sie ihre eigenen Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen brauche. Ukrainische Seminaristen, die in Rom studiert hatten, befassten sich schon in den siebziger und achtziger Jahren mit der Perspektive, eine ukrainische katholische theologische Fakultät zu gründen. Sie entwarfen entsprechende Lehrprogramme, die den Bedürfnissen unserer Kirche entsprachen. Dank ihrer Bemühungen konnte der Wiederaufbau der Theologischen Akademie Lemberg erst stattfinden.
Wiederaufbau
1992 wurde mit dem Segen des Hauptes der Ukrianischen Griechisch-Katholischen Kirche, Erzbischof Myroslav Ivan Kardinal Ljubacivckyj, eine Kommission eingesetzt, die sich mit der Wiedereröffnung der Theologischen Akademie befasste. 1994 stimmte die Synode der Lemberger Bischöfe für eine Wiedereröffnung der Akademie. Im September des gleichen Jahres wurde die Akademie offiziell eröffnet. Nach der Annahme von Studenten und den ersten zwei Unterrichtsjahren begann die Akademie an ihrer Akkreditierung zu arbeiten. Und schon 1998 wurde die Akademie eine anerkannte Institution katholischer Bildung. Das Bakkalaureat in Theologie, welches 1999 zum ersten Mal an Studenten vergeben wurde, wird von allen katholischen und vielen nicht-katholischen Bildungseinrichtungen der Welt anerkannt.
Leider konnte die Akademie bis heute keine staatliche Akkreditierung in der Ukraine erlangen, obwohl stetig in daran gearbeitet wird. Die Menge der Dokumente, die in den letzten Jahren unterzeichnet wurden, lassen hoffen, dass die Wissenschaft der Theologie schon bald auf einer Höhe mit anderen Fachrichtungen stehen wird, und dass die Theologische Akademie Lemberg vom ukrainischen Staat anerkannt wird.
Die ersten Absolventen
Im Sommer 1999 wurden Diplome an die ersten 28 Absolventen vergeben. Zum ersten Mal wurde in einer ukrainischen theologischen Hochschule das Bakkalaureat an Laien vergeben, zum ersten Mal in der Geschichte der Ukraine wurden Frauen zu diplomierten Theologinnen. Auch ist das Diplom, vergeben von einer ukrainischen theologischen Universität, das erste seiner Art mit internationaler Anerkennung.
Die Gründung der UKU
Der Gründung der Ukrainischen Katholischen Universität (UKU) am 28. Juni 2002 gingen die beinahe ein Jahrhundert währenden Bemühungen der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche sowie ukrainischer Wissenschaftler veraus, eine höhere Bildungseinrichtung zu institutionalisieren, welche auf christlicher Geistlichkeit, Kultur und Weltanschauung basiert. Diese sollte das Potential mit sich bringen, zu einem wissenschaftlichen Zentrum von Bedeutung zu werden, sowie den Platz des ökumenischen Dialogs und des Verständnisses in der Ukraine einzunehmen.
Die Geschichte des 20. Jahrhunderts war für die Christen der Ukraine eine schwere: Verfolgungen, Kriege, Deportationen, Glaubensverbot, Schmerz und Leiden bedeuteten eine schwere Bürde für Millionen von Menschen. Die Gründung der UKU ist auch Frucht ihrer Gebete. Unter den neuen Märtyrern der Kiever Kirche, welche Papst Johannes Paul II. während seiner Reise in die Ukraine selig sprach, sind sieben ehemalige Dozenten und Studenten der theologischen Akademie, in deren Erbe heute die UKU existiert.

